Was unterrichtest du eigentlich?

Wenn Menschen mich für Gesangsunterricht anfragen (und das passiert seit Corona tatsächlich häufiger als gewöhnlich), gibt es einige Fragen, die mir immer wieder in der ersten Stunde oder schon vorab gestellt werden:


Was unterrichtest du eigentlich? Klassik oder Pop? Kann ich bei dir trotz klassischer Technik auch Pop lernen? Ich will auf gar keinen Fall klingen wie ein Opernsänger!

Bist du sicher, dass das nicht zu klassisch klingt?! Vielleicht reden wir erstmal darüber, welche Menschen für gewöhnlich auf mich zukommen: wenn ich Anfragen für Unterricht bekomme, sind das meistens Menschen, die schon singen. Im Chor oder im Ensemble, als Chorsänger oder Chorleiter, auf den unterschiedlichsten Niveaus, aber meistens mit jahrelanger Erfahrung mit der Stimme. Aber eben „nur‘“ in der Gruppe, nicht mit sich alleine. Sie wollen mehr wissen, mehr verstehen, mehr spüren und sich weiterentwickeln.

Und die meisten haben eben keine Ahnung, was sie erwartet. Was auf sie zukommt. Sie haben oftmals nie alleine vor anderen Menschen gesungen, geschweige denn vor jemandem, der „vom Fach“ ist. Sie haben Angst, gehört und gesehen zu werden, mit all ihren Unsicherheiten und (musikalischen) Schwächen. Die Stimme ist dann doch der Fingerabdruck von uns, so unverwechselbar und persönlich, ein Abbild unserer Seele und unseres Geistes. Gestern sprach ich noch mit Kolleginnen darüber, dass für mich Singen eben auch eine unbedingte Verbindung zu meinem Körper ist, Verbundenheit mit mir selber und der Erde, eine Rückbesinnung auf etwas Ursprüngliches, auf die ureigene Kraft des Ausdrucks und der Atmung. „Julia, was ist das denn für’n Eso-Scheiß?!?“ – höre ich die ersten schon denken. Aber wer schon einmal den Flow beim Singen gespürt hat, vor allem in einer Gruppe, einem Ensemble, einem Chor, der weiß, wie gut man sich selber vergessen kann, den Alltag, dass die Zeit plötzlich stillsteht, und man sich als Teil eines größeren Ganzen empfindet.

Zurück zu meinen Schülern: Was genau steckt nun hinter der Angst, zu „Opern-mäßig“ zu klingen?!

Ich verstehe was meine Schüler meinen, wenn sie in den ersten Stunden diese Angst äußern (oft geht sie nach ein paar Stunden übrigens wieder weg!).

Was sie wollen ist, zu klingen wie sie selber! Die Natürlichkeit und Einzigartigkeit ihrer Stimme bewahren. Nicht artifiziell zu klingen. Sie wollen, dass man den Text versteht, weil sie sich ausdrücken wollen. Viele haben wenig Erfahrung mit klassischer Solo-Literatur und kennen aus dem klassischen Bereich oft nur die Oper. Was es darüber hinaus noch für Stimme gibt, werden sie erst noch entdecken. Das ist meine größte Freude – sie in diese Welt hinein zu locken und ihnen eine Sightseeing-Tour durch die klassische Lied- und Oratorienwelt zu geben! Bisher waren alle begeistert und wollen gleich die nächste Runde drehen! Besonders die Literatur aus der Romantik eröffnet ungewohnte Freiheit und Ausdruckskraft, die den Zeitgeist auch 2021 behält. Und so weit auseinander liegen Klassik und Pop dann eben doch nicht. Viele Singer-Songwriter Lieder sind gar nicht so weit entfernt von Schubert, Schumann und Brahms. Klar – die Stimmgebung ist anders, die Atemführung ist anders. Aber das Singen am Text, die Orientierung am Sprachduktus, und der Ausdruck – das alles ähnelt sich doch ungemein und kann voneinander profitieren!

Also ja – ich unterrichte klassische Gesangstechnik. Ich finde es ist eine wundervolle Basis, von der aus man arbeiten kann.


Die Atmung, die Vokale, die Artikulation. Ich liebe es, mit der Sprache zu arbeiten. Und bisher haben alle Schüler die Liebe zur Klassik entdeckt, singen Schumann rauf und runter. Und manchmal wagen wir einen Schritt in die Popmusik. Wer sagt dass sich Klassik und Pop ausschließen? Ich finde, Schubert passt wunderbar zu Gregor Meyle!


Was würdest du im Gesangsunterricht gerne lernen?



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